Fünfte reise

Als Sindbad der Seefahrer sah, daß seine Erzählung einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte und seine Zuhörer noch immer munter und voller neuer Erwartung da saßen, fuhr er ohne Unterbrechung fort:

"Merket auf, meine edlen Herren, und höret die Geschichte meiner fünften Reise, welche noch wunderbarer ist, als die früheren. Doch Gott ist allwissend und allweise und kennt allein seinen verborgenen Ratschluß. Als ich nun, wie ich Euch erzählte, mit reichem Gewinne heimgekehrt war, verteilte ich mit dankbarem Herzen Almosen und Spenden, kleidete Waisen und Witwen und machte meinen Angehörigen und Freunden Geschenke. Unversehens aber riß mich eine lockende Gelegenheit wieder aus meinen festen Entschlüssen, nämlich meinem abenteuerlichen Leben zu entsagen und meine Sehnsucht nach der großen Welt und dem weiten Meere zu unterdrücken. Ein großes Schiff sah ich viele Kaufleute, brave und gute Menschen, besteigen, alle in freudigster Hoffnung auf glückliche Fahrt und guten Gewinn. Des Menschen Seele neigt zum Bösen; auch ich vergaß, wie gesagt, meine guten Vorsätze. und schiffte mich ein. Ununterbrochen segelten wir, bis sich eines Tags der Kapitän vor das Gesicht schlug und sich verzweifelt gebärdete. Wir fragten ihn: "Kapitän was ist los?" Er antwortete uns mit bebenden Lippen: "Wisset, ihr Reisenden, ein heimtückischer Wind hat mich irregeführt und uns mitten in ein Meer getrieben, das mir unbekannt ist und das ich nur vom Hörensagen kenne. Es muß jemand an Bord unseres Schiffes sein, der zu unser aller Unheil dem Seeteufel verfallen ist. Dieser unnatürliche Wind treibt uns mit aller Wucht gegen den Affenberg, der dort aus der Brandung emporragt. Bild 16. Die SeräuberaffenDer Allmächtige möge geben, daß eine Rettung möglich ist!" - Kaum hatte der Kapitän seine Worte beendet, da umgaben auch schon die Affen von allen Seiten das Schiff und fielen vom Lande wie Heuschreckenschwärme über uns her, packten alle Kaufleute und Matrosen und schleppten sie auf die Insel, worauf sie ohne uns auf das Schiff zurücksprangen und mit allem, was sich darauf befand, abfuhren. Als wir uns nun in einem unbekannten Meere auf dieser schrecklichen Insel allein befanden und schon mit dem Gedanken vertraut gemacht hatten, von ihren Früchten, ihrem Gemüse und Obst uns ernähren zu müssen, erblickten wir mit einem Male einen riesigen Drachen mit gewaltigem Rumpf, der meine Gefährten und mich umringelte. Im Nu hatte er einen von uns gepackt und mit furchtbarem Schmatzen gänzlich verschluckt, dann war er befriedigt fortgekrochen. Jeden Tag nun holte sich der Drachen einen von uns. Er war sichtlich angenehm enttäuscht, statt der ewigen Affen jetzt Menschenbraten zu bekommen. Unser Herz aber war von dem Verlust unserer Gefährten bekümmert und erstarrte in dem Gedanken, selbst eines Tages den Tod in dem feuerspeienden Rachen dieses gräßlichen Untiers erleiden zu müssen. Doch es gibt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott! Ich sann unaufhörlich darüber nach, wie ich diesem furchtbaren Ende, das uns allen beschieden war, entrinnen könnte. Die restlichen drei Kaufleute, mit denen ich auf einen hohen Baum geklettert war, der uns auch als Schlafstätte diente, hatte ich weit unter mir gelassen und war bis auf den höchsten Ast gestiegen.Meine Hoffnung, der Drache würde sich die untersten zuerst holen, hatte sich bestätigt. Als er meine letzten Gefährten erreicht und verschlungen hatte, war ein Entschluß in mir gereift. Bild 17. Sperrige MahlzeitIch nahm fünf breite und starke Äste und band, so fest ich nur konnte, einen von ihnen quer über meine Füße, drei andere gleiche über meine linke und rechte Seite und meinen Bauch und zuletzt einen langen und breiten Ast wieder quer über meinen Kopf, ähnlich dem ersten an meinen Füßen. In dieser Weise rings von Holz umgeben, warf ich mich der Länge nach auf die Erde und lag wie in einer Kammer da. Wie gewöhnlich erschien der Drache zur Nachtzeit, um sich sein letztes Opfer zu holen. Da er mich jedoch wegen des Holzes, das mich von allen Selten umgab, nicht verschlingen konnte, ringelte er sich um mich, während ich ihm halbtot vor Furcht und Grausen zusah. Als der grausige Lindwurm nun einsah, daß er mich in meiner hölzernen Schutzwehr nicht verschlingen konnte, ließ er von mir ab und zog sich in grimmigster Wut zurück. Seine Versuche, mich zu verspeisen, hatten vom Sonnenuntergang bis zum Anbruch der Morgenröte gedauert. Nun erhob ich mich und zog wie einer, der von den Toten erwacht ist, an den Strand, wo ich fern auf hoher See ein Schiff gewahrte. Mit einem riesigen Ast, den ich hin und her schwenkte, machte ich mich bemerkbar. Man entdeckte mich und nahm mich auf.

Auf die Fragen des Kapitäns und der Mannschaft erzählte ich ihnen zu ihrer höchsten Verwunderung alle meine Erlebnisse und Abenteuer, was sie veranlaßte, mich mit neuen Sachen zu bekleiden und meine Füße zu bedecken; dann brachten sie mir Speise und reichten mir kühles Süßwasser zu trinken, so daß sich mein Herz wieder aufrichtete, meine Seele sich erholte und tiefe Ruhe in mir einkehrte. - Bild 18. Mit vollen Segeln An der Insel Es-Salahita wurde Anker geworfen. Hier stiegen alle Kaufleute und Passagiere ans Land, nahmen ihre Waren mit, tauschten und verkauften. Ich stand mit dem Schiffsherrn an Deck und mußte diesem Treiben als mittelloser Schiffbrüchiger tatenlos zuschauen. Das brach mir das Herz. Der Kapitän sah mir meine innere Qual an und sprach zu mir: "Wisset, verehrter Fremdling, mit uns reiste ein Mann, den wir verloren haben; wir wissen nicht, ob er noch lebt oder bereits ertrunken ist, da wir nie wieder etwas von ihm gehört haben. Der ganze Laderaum unseres Schiffes liegt voll von seiner reichen Ware, die jetzt herrenlos ist. Ich möchte euch von diesem Überfluß einige Ballen übergeben, mit denen ihr euer Glück versuchen könnt." - Als ich den Laderaum betrat, sah ich, daß sämtliche Ware mein einst verlorenes Eigentum war und auch jedes Stück das Signum "Sindbad der Seefahrer" trug. - Alles weitere erübrigt sich zu erzählen. In Bagdad, meine edlen Herren, konnte ich mich ausweisen. Nun war mein Reichtum nicht mehr zu ermessen." - Als Sindbad seinen armen Namensvetter, den Lastträger, mit offenem Munde zuhören sah, winkte er schnell seinem Sklaven und ließ jenem wiedermals hundert Goldmithkal als Spende überreichen.

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